Stolpersteine in Löbau

Schalom. Es ist Freitag Nachmittag, der Vorabend des Schabbat. So beginnt immer freitags die Sendung »Jüdisches Leben heute« im Deutschlandfunk, die ich schon oft auf der Heimreise im Autoradio verfolgt habe. Heute nicht. Heute war ich dabei, als in Löbau auf dem Altmarkt die ersten beiden Stolpersteine in Löbau verlegt wurden. Einer für Adolf Grünewald, einer für seine Frau Helene. Knapp einhundert Gäste hatten sich versammelt, um die Geschichte der beiden jüdischen Geschäftsleute zu hören. Zu hören und sich zu erinnern, wie die beiden von geachteten Schuhverkäufern zu gehassten, ausgestoßenen, verleumdeten Juden wurden. Die vom evangelischen Pfarrer der Stadt Löbau, einem Mitglied der »Deutschen Christen«, verhetzt und geschmäht wurden. Denen von den Nazis unterstellt wurde, sie wären Mitglieder der kommunistischen Partei. Für Adolf Grünewald wurde der psychische Druck irgendwann zuviel. Er erhängte sich am 20. Oktober 1937 in seinem Geschäft. An seinem Anzug steckte das Eiserne Kreuz, seine höchste Auszeichnung aus dem ersten Weltkrieg. Er erhielt sie für seinen Dienst als Soldat, für den Kampf für sein Vaterland, das er liebte und dessen Regierung sich nur wenige Jahre nach dem Krieg gegen ihn wandte. Seine Frau Helene floh in die Anonymität der Großstadt Berlin, wurde später mit dem Zug deportiert ins Ghetto nach Riga. Sie starb am 10. Februar 1942 bei den Erschießungen tausender Juden in den Wäldern nahe der Stadt.

frisch verlegte Stolpersteine in Löbau auf dem Altmarkt
frisch verlegte Stolpersteine in Löbau auf dem Altmarkt

Armin Pietsch vom Verein Augen auf e.V. und Frau Wünsche, die viele Jahre die Geschichte der Löbauer Juden erforschte, berichteten von den historischen Umständen. Pfarrer Daniel Mögel fand deutliche Worte des Unbehagens und zeigte sich erschüttert über das Verhalten seines Amtskollegen während der Nazizeit. Ich stimme mit ihm überein, dass das Erinnern und Mahnen nie aufhören darf und wir die Stimme erheben müssen, wenn andere Menschen diffamiert, entrechtet und entwürdigt werden.

Klaviermusik umrahmte die Zeremonie und Michael Hurshell von der jüdischen Gemeinde in Dresden sang das Kaddisch, ein jüdisches Gebet. Danke an alle, die diese Stolpersteinverlegung ermöglicht haben. Mögen diese Steine viele Löbauer und Gäste zum Anhalten, zum Innehalten und Gedenken bewegen. Ich freue mich darauf, dass diese Steine Diskussionen und Nachdenken anregen werden.

Schalom. Möge der Friede Gottes gleichermaßen auf Menschen jüdischen und christlichen Glaubens liegen und uns gemeinsam in eine friedliche Zukunft führen!

zwei Kerzen und Blumen schmücken die neuen Stolpersteine, im Hintergrund Bilder des Geschäfts in den 30er Jahren
zwei Kerzen und Blumen schmücken die neuen Stolpersteine

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